Keith Warner im Gespräch mit Robert Werther

Der Regisseur Keith Warner im Gespräch mit Robert Werther
über Wagner und einige Aspekte seiner Mindener Inszenierung.

Keith Warner ist ein vielbeschäftigter Mann. Gerade hat er die ersten beiden Teile des „Ring" am Londoner Opernhaus >Covent Garden< in Szene gesetzt. Mitte Dezember „Rheingold", Anfang März „Walküre" - und brütet schon wieder über neuen Herausforderungen, von denen eine nicht geringe die Inszenierung des „Tannhäuser" am Mindener Stadttheater sein wird. Will man ihn dazu befragen, muss man nach London. Dort treffen wir uns in der Lobby des Langham Hotel, Portland Place, Mittwoch zwischen 15 Uhr 30 und 17 Uhr. Da bleibt kaum Muße für den Tee, denn der kleine, füllige Mann entpuppt sich als ein wahres Energiebündel, das von Ideen und Vorstellungen zu Wagner nur so sprüht. Das Gespräch findet in Deutsch statt, denn diese Sprache hat er, um Wagner „richtig" inszenieren zu können, fast perfekt gelernt.

Feminines und maskulines Prinzip

Welche der beiden von Richard Wagner autorisierten Fassungen des „Tannhäuser" - die Dresdner von 1845 oder die Pariser von 1860 - steht für ihn außer Frage. Es wird die Pariser sein, allerdings mit einigen Momenten aus der sogenannten Wiener Fassung, eigentlich nur eine weitergehende Interpretation, die Wagner allerdings selbst inszeniert hat. Die Erklärung dafür liegt für den Regisseur auf der Hand: Warner sieht Wagners Umgang mit seinem eigenen Werk als einen zeitlebens andauernden, nie wirklich zu Ende gegangenen Prozess. Und da es sich bei der Figur des Tannhäuser auch um ein Porträt eines Künstlers, um die Biografie eines Menschen im Kampf gegen Mittelmäßigkeit und für die Schau der großen Ideen handelt, um die Beschreibung einer großen Lebensreise handelt, zweifelt Warner nicht einen Moment, dass Wagner sich am Ende selbst als Tannhäuser gesehen hat.
Keith Warner gewichtet noch einmal, worauf es ihm vor allem anderen ankommt: die Unterschiede des maskulinen und des femininen Prinzips herauszuarbeiten, ihre Ambiguität, ihre Doppeldeutigkeit, den Kampf, ja den Krieg dieser Polaritäten in Szene zu setzen. Und Warner entdeckt diesen Zwiespalt sowohl in der Musik wie in den Worten Wagners, glaubt, dass eine überzeugende Dramaturgie gar nicht anders könne als diesen unaufhörlichen Gegensatz herauszuarbeiten. Er sieht in der Pariser Fassung diese seine Interpretation viel stärker betont und klarer formuliert. Und empfindet sich auch eindeutiger im Sinne von \ „Werktreue", ein von Wagnerianern viel zitierter Begriff und damit gefordertes Prinzip.

Ergebnisoffenes Regiekonzept

Bei der Mindener Inszenierung hat sich der Regisseur ganz bewusst für ein ergebnisoffenes Regiekonzept entschieden. Diesen scheinbaren Widerspruch erklärt Keith Warner mit] der Poesie, die er in allen Werken Wagners erkennt, die sich ihm jedoch im „Tannhäuser" auf besonders eindringliche ' Weise mitgeteilt hat. Er will die verschiedenen Farben dieser Poesie während des Produktionsprozesses erproben,] will sehen, wozu ihn der besondere, der dem Hause eigentümliche Charakter des Ortes inspirieren wird. Die Farben ' wird er dann auf seiner Regie-Palette so mischen, dass er] auf diese Weise das beste Ergebnis erzielen kann. Bei der Vielschichtigkeit des „Tannhäuser" empfindet er seine' Vorgehensweise als auf ideale Art angemessen. Aber auch die Zeitlosigkeit des Stückes kommt ihm bei dieser 1 Arbeitsweise sehr entgegen.
An diesem Punkt der Reflektionen über den „Tannhäuser"' und seine Regiearbeit angelangt, wird Keith Warner fast leidenschaftlich: Ja, zeitlos, zeitlos ist dieses Stück. Tannhäusers Problematik ist nicht an Wagners und nicht an unsere Zeit gebunden. Er bedarf nur eines geistigen Zentrums, eines Ortes, der ihm eine Antwort auf die archetypischen Fragen des Tannhäusers geben kann. Und den vermutet er innerhalb einer freien Arbeitsatmosphäre, wie in Minden, eher als innerhalb einer riesigen Theatermaschinerie, wie in Covent Garden, die ihm nicht nur zu Diensten ist, sondern ' ihn auch gleichzeitig zum Sklaven macht.

Einssein in sich selbst

Dass Richard Wagner gerade den „Tannhäuser" am Ende seines Lebens quasi' als Kompendium aller in seinen späteren Opern auftauchenden Ideen angesehen hatte, erklärt Keith Warner als eine dem Alter eigene Art, auf das eigene Werk zurück zu schauen. Eine zwingende Stringenz kann der Regisseur nicht erkennen, will aber gerne das Angelegtsein solcher Ideen bestätigen. Im einzelnen wehrt er sich jedoch gegen die orthodoxe Annahme einer von der Romantik beeinflussten Erlösungsidee. Eher erkennt er den Wunsch nach >ln-sich-selbst-ruhen<, einem von dem Aufklärer Jean-Jaques Rousseau vorgedachten und für ideal gehaltenen Wunsch der menschlichen Natur. Überhaupt sieht er in diesem >Ruhen-in-sich<, in diesem >Einigsein-mit-der-Welt< einen zentralen Gedanken des Stückes, der die Polaritäten in der Figur des Tannhäuser schließlich zusammenbringen soll. „It's much more in him as an inner journey as a matter of the outer world!", fasst Keith Warner dies eine Mal auf Englisch zusammen, um hier seinen Standpunkt ganz unmissverständlich klar zu machen.
Und er geht noch einmal auf die Ideen ein, wenn er betont, dass die Kenntnis der deutschen Sprache zu einem verständnisvollen Inszenieren Wagners dringend erforderlich sei. Das gelte selbstverständlich nicht nur für den Regisseur, sondern auch und gerade für die Sänger und Sängerinnen. „Dies Welttheater von Ideen ist ohne den Text gar nicht zu begreifen", wirft er ein , und erläutert weiter, kühn den „Faust" zitierend: „Am Anfang war das Wort" Das heißt für ihn, der Text kommt vor der Musik und diese entwickelt sich vom Text her. Bei dieser Gelegenheit charakterisiert er den Text als dominante Kraft, sprich: als maskulin, die Musik dagegen als feminin.

Gesamtkunstwerk

Der Idee eines - von Richard Wagner ja immer wieder formulierten und geforderten - Gesamtkunstwerks steht er mit offenen Sinnen und aus vollem Herzen bereit gegenüber. Das ist für einen „Theaterverrückten", wie er sich selbst bezeichnet, auch gar nicht anders verstellbar. Selbstverständlich wird er die Erfahrungen aus fast 25 Jahren Theater in seine Mindener Inszenierung einbringen. Technik, Computer, Grafik, Licht, kurz, alle dem Theater zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, die Bühnenvorgänge zu visualisieren, wird er bei Bedarf in seine Inszenierung einbringen. Da fühlt er sich im übrigen völlig d'accord mit Wagner, der auch nicht zögerte, den neuesten Stand der Bühnentechnik für seine Aufführungen nutzbar zu machen. Wichtiger als der Einsatz von Technik ist ihm jedoch die Darstellung der Akteure. Schon Wagner hatte sich vehement gegen das Absingen von Arien gewehrt und war - dreißig Jahre vor dem naturalistischen Darstellungsstil der Dramen von Tschechow, Ibsen und Hauptmann - revolutionär in seiner Forderung, dass die Sänger im Charakter der jeweiligen Figur zu bleiben haben. „Im Charakter bleiben! Das nenne ich Werktreue", ereifert sich Keith Warner und fügt ein wenig ironisch hinzu: „l think, Wagner would love that. In that way, we can make a Gesamtkunstwerk." Und ist sich sicher, dass ihm Minden die Intimität und Intensität « gewährleistet, die er für seine Vorstellungen benötigt.

Eine Welt, in der man verschwindet

Mit zwölf Jahren, 1968, tauchte Keith Warner das erste Mal in eine „Welt ein, in der man verschwindet." Er sah und hörte die „Meistersinger" und hatte dabei seine ganz persönliche Epiphanie, sein Erweckungserlebnis. Damit erschloss sich ihm eine Welt, in der Wagner fortan als der oberste aller Götter thronte, das Theater, ein Kosmos, so unbekannt und so aufregend, dass er ihn nie mehr wieder loslassen sollte. Er rannte in alle Filme von David Lean, von Bergman und, Tarkowski und wurde unweigerlich ein großer Verehrer von Laurence Olivier - wegen dessen Darstellung er CTNeills >Eines langen Tages Reise in die Nacht< gleich 16mal hintereinander anschaute - kurzum, er wurde ein Theaterverrückter. Gleichzeitig besorgte er sich alle Schallplatten mit Wagners Musik, derer er habhaft werden konnte, las und sah alles über Wagner und baute im Werkunterricht Bühnenbilder, etwa das gesamte Inventar des „Ring", ganz im Stile von Neubayreuth.
Die Begeisterung der frühen Jahre hat sich Keith Warner erhalten, sein Studium richtete er so aus, dass eine Theaterlaufbahn unweigerlich folgen musste, schließlich wurde er gar - als junger Regisseur - Meisterschüler bei Richard Wagners Enkeltochter Friedelind. Seitdem ist es für ihn eine Frage der Ehre, dass er mit allen seinen Fähigkeiten und mit vollem Einsatz überall auf der Welt' das Werk Wagners in Szene setzt, ob in Omaha, Nebraska, oder in Minden, Nordrhein-Westfalen, und ist sich sicher, dass der „Tannhäuser" so wunderbar werden wird, dass die Kritiker selbst aus London kommen, um darüber zu berichten. Er bewundert die Deutschen dafür, dass ihnen Kunst so wichtig ist und weiß von anderen Beispielen in Deutschland, dass eine Stadt von ihren Bewohnern nach deren Kultur beurteilt wird. Er hofft, die Mindener tun das auch.