AUSSTELLUNG |
DER MYTHOS DES ERLÖSERS.
RICHARD WAGNER UND DIE DEUTSCHE GESELLSCHAFT
1871-1918"

Einführung von Dr. Veit Veltzke, Direktor des Preußen-Museums Minden

Die Ausstellung wird in neun Abteilungen dem Einfluss Richard Wagners auf die nationale Mythenwelt des Kaiserreiches sowie Mentalität und Ideologie des deutschen Bürgertums nachgehen. Eine der Grundfragen der Ausstellung ist die nach dem Missverhältnis eines bis in seine späten Tage anarchischen Künstlers mit sozialistischen Sympathien, dessen Idee einer Erlösung durch Liebe zu Mensch und Schöpfung mit starker Kritik an den Machtstrukturen und bürgerlichem Besitzstreben seiner Zeit verbunden war, - und einer schließlich breiten Akzeptanz Wagners gleichsam als Barden des neuen Reiches.

War es Wagner um eine grundlegende Veränderung der ihn umgebenden Zivilisation der Stellung der Kunst gegenüber dem Leben zu tun, so seinen Anhängern in der Regel um das rauschhafte Erleben seiner Kunst ohne Anspruch auf Wirklichkeitsveränderung. Hier wurde eine Art Ventil gegenüber den Normen und Zwängen des Alltags gesucht, ohne diese aufzuheben.

Trotzdem gelangen Wagners auf der Bühne vollzogenen Verstöße gegen die Grundlagen der Gesellschaft, seine Erlösungen im Untergang, Weltentsagung und Pessimismus als untergründige Strömung zur Wirkung und fließen teilweise in die nationalen Leitbilder ein. Die begeisterte Aufnahme von Wagners „Der Ring des Nibelungen“ durch das wilhelminische Bürgertum, zu dessen Prinzipien und Lebensführung sie eigentlich in Widerspruch steht, ist so bereits ein Krisenphänomen.

Die nationalen Bildwelten werden durch Wagner mit dessen Rückgriff auf vor- und ungeschichtliche Mythen entscheidend beeinflusst, entgegen bislang verbindlichen historischen Leitfiguren wie z. B. Arminius oder Barbarossa. Hier liegen die Anfänge eines weniger auf historische Vorbilder rekurrierenden Nationalismus mit heroisch-pessimistischen, abstrakt-mythischen Zügen, wie er nach dem ersten Weltkrieg voll zur Entfaltung kommt. Barg bei Wagner der „Mythos“ die Möglichkeit zur Darstellung des „Reinmenschlichen“ und besaß emanzipatorischen Charakter, so transportiert dieser nun andere Inhalte. Die Nachgeschichte Wagners ist so stark gekennzeichnet durch den Gegensatz von Künstlerintention, Anhängerinteressen und Folgewirkungen.

Besondere Impulse erhält schließlich die Lebensreformbewegung um 1900 u.a. durch Wagners Individualisierung und Ästhetisierung des Religionsbegriffs. Wagners Einfluss lässt sich hier sowohl auf dem rechten, wie auf dem linken Flügel bis in die Friedensbewegung hinein feststellen. Der Kulturpessimismus Schopenhauers und Wagners wird nun vielfach von einem optimistisch gerichteten Sozialdarwinismus überlagert, bei dem die pessimistische Untertönung allerdings noch durchscheint und radikalisiert.
Die Ausstellung nutzt als durchgängiges Gestaltungsmedium Stahlbaumatten mit Gitterstruktur, wie sie auf Baustellen verwendet werden. Auf diese Weise entstehen zwei Präsentationsebenen (hinter und vor dem Gitter), die Zwang und Befreiung, gesellschaftliche Realität und künstlerische Fiktion thematisieren und der Kunst Wagners mit ihrem Erlösungsanspruch gleichsam das „Gefängnis“ der bürgerlichen Existenz gegenüber stellen.

Zahlreiche Leihgaben aus dem In- und Ausland aus dem Bereich der bildenden Kunst veranschaulichen die verschiedenen Entwicklungslinien.

http://www.preussenmuseum.de


Richard Wagner Verband Minden 2002